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Several white terraced houses with flat black roof, from the functionalism era, seen from the side.
“Per- Albin-Häuser” in Stockholm
Foto: Dan Hansson/SvD/TT

Überblick

Zu Hause bei den Schweden

Die Idee des folkhemmet, des Volksheims, ist charakteristisch für die schwedische Gesellschaft und für schwedisches Design. Obwohl sie vor fast einem Jahrhundert entstanden ist, bilden ihre Vorstellungen von Gleichheit, Funktionalität, Solidarität und alltäglicher Schönheit immer noch die Grundlage des Designs und der Architektur in Schweden.

Von Elna Nykänen Andersson

Als ich nach Stockholm zog, wohnte ich zuerst in einem Gebäude in der John Ericssonsgatan 6, das als Kollektivhaus bekannt ist. Es wurde 1935 von Sven Markelius entworfen, einem der bedeutendsten schwedischen Architekten der Moderne, und hatte viele Eigenschaften, die normalen Wohngebäuden fehlten. Wenn morgens der Kühlschrank leer war, mussten wir nur bei der Bäckerei unten im Haus anrufen, und bald trafen zwei frischgebackene Schokoladencroissants über den Speisenaufzug ein, ein kleiner Aufzug, der Lebensmittel direkt zu den Küchen der Bewohner beförderte. Wir frühstückten am Wohnzimmerfenster, das so geneigt war, dass alle, die auf dieser Seite des Gebäudes wohnten, viel Licht und einen Blick auf die glitzernde Oberfläche des Mälarsees hatten, anstatt auf das gegenüberliegende Gebäude. Im Frühjahr pflanzten wir Geranien in die eingebauten Boxen auf dem Balkon. Im Sommer sonnten wir uns im Garten im Innenhof, der für alle zugänglich und von den Gärtnern der Stadt perfekt gepflegt wurde. Hier zu leben, war gefüllt mit einfachem alltäglichem Luxus, praktischen Lösungen und pfiffigen Innovationen.

Das Kollektivhaus ist ein perfektes Beispiel für die schwedische Moderne. Der Stil entstand etwa zur selben Zeit wie die politische Idee des folkhemmet, einer zentralen Idee der schwedischen Gesellschaft, und ist mit den gleichen Vorstellungen verbunden.  Der Begriff, der mit „Volksheim“ übersetzt werden kann, wurde 1928 von dem sozialdemokratischen Politiker Per Albin Hansson ins Leben gerufen, als Schweden mit Armut und Klassenunterschieden kämpfte. Hansson sah ein Land, das vereint werden musste, und ersann eine Vision für sein Schweden, eine Gesellschaft ohne Klassenschranken, ein Platz, an dem alle unabhängig von ihrem Hintergrund die Chance auf eine Ausbildung und eine berufliche Laufbahn haben. Das Zuhause sollte dabei eine wichtige Rolle spielen: Allen sollte ein anständiges, funktionierendes, schönes Zuhause zustehen, wo sie sich mit warmem Wasser waschen, in ihren eigenen Küchen kochen und miteinander umgehen konnten. Schweden sollte ein Land werden, das sich durch Gleichheit auszeichnet. Im Namen dieses Ziels wurden viele neue Wohnungen gebaut und viele politische Reformen durchgeführt, von der kostenlosen Bildung bis zur allgemeinen Gesundheitsversorgung. Die Idee hatte auch eine tiefgreifende Wirkung auf schwedisches Design und Architektur, die als wichtige Bausteine für die neue Gesellschaft gesehen wurden. Das Kollektivhaus hatte zum Beispiel eine klare Agenda. Als es gebaut wurde, hatte es ein Restaurant, eine Waschküche und einen Kindergarten mit Angestellten. All dies war dazu gedacht, Frauen von der Bürde zu befreien, zu Hause zu kochen, zu waschen und Kinder zu betreuen, und ihnen ein neues Leben als arbeitende Mütter zu ermöglichen. 

Heutzutage gibt es im Haus kein Personal mehr, aber Kindergärten sind normal geworden, Mütter arbeiten weiterhin und viele der Funktionen des Hauses gehören heute zum Standard. Nimm zum Beispiel die gemeinsame Waschküche. Die Waschküche wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in schwedische Häuser integriert und ist seitdem zu einer Notwendigkeit geworden, auf die sich die meisten Menschen verlassen. Bewohner tragen sich jeweils für einen bestimmten Zeitraum in einen Kalender ein, um mit den gemeinsamen Maschinen ihre Wäsche zu waschen und zu trocknen. (Diese Wäschezeiten müssen, nebenbei bemerkt, bis ins kleinste Detail eingehalten werden. Heutzutage mag es wenige Dinge geben, die den Schweden heilig sind, aber die Regeln rund um die Waschküche gehören eindeutig in die engere Auswahl.) Die Fenster sind ein weiteres Beispiel. Während der Vorgänger der Moderne, die Nationalromantik, kleine symmetrische Fenster bevorzugte, nahm dieser neue Stil die bestehende Umgebung und den Alltag als Ausgangspunkt. Schweden ist ein Land mit wenig Sonnenlicht im Winter, weshalb die Architekten der Moderne Wohnungen mit großen Fenstern entworfen haben, die das Licht von Süden hereinlassen. Die Menschen wurden in den Mittelpunkt des Designprozesses gestellt. Die Anzahl der Architekten sagt etwas darüber aus, wie sehr die Bedeutung von hochwertigem Bauen und Design in den folgenden Jahrzehnten angestiegen ist: 1936 gab es in Schweden nur 500 qualifizierte Architekten. Heute repräsentiert Architects Sweden (ein Berufsverband schwedischer Architekten) 13.000 Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsgestalter und Raumplaner. 

Als politische Idee hatte folkhemmet seine Blütezeit zwischen den 1930ern und den 1960ern. Aber sein zentrales Erbe hat das schwedische Design nachhaltig geprägt. Noch heute streicht es den zeitgenössischen, scheinbar einfachen Stil heraus, für den Schweden berühmt geworden ist. Der Möbelgigant IKEA ist vielleicht das klassischste Beispiel. Die Kernidee des 1943 gegründeten Unternehmens war es, dass alle in der Lage sein sollten, sich stilvolle Möbel zu leisten, und tatsächlich haben heute die meisten Schweden wenigstens einen Gegenstand von IKEA in ihrem Zuhause. Sie leben Seite an Seite mit anderen schwedischen Produkten, von wunderschönem Gustavsberg-Geschirr über Bettwäsche von Himla bis hin zu klassischen Holzsprossenstühlen von Malmstenbutiken – auch als Hochstuhl für Kinder, denn auch Kinder verdienen gutes Design. Bei schwedischem Design geht es nur selten um die Oberfläche. Es ist ein Streben nach Gleichheit und verbesserter Lebensqualität – nicht nur für ein paar Auserwählte, sondern für die Vielen.