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Die Straße Snickarbacken in Stockholm
Das Gebäude auf der linken Seite, bekannt als Finlandshuset (das Finnlandhaus), wurde 1896 nach den Zeichnungen des Architekten Johan Laurentz erbaut.
Fotonachweis: Jason Briscoe

Steinstädte: ein Highlight der schwedischen Architektur

Die Steinstädte des 19. Jahrhunderts erinnern an die Stadterweiterung und den sozialen Wandel, eingeleitet durch die Industrialisierung. Der Name deutet darauf hin, dass der bis dahin bevorzugte Baustoff Holz von Ziegeln und Naturstein abgelöst wurde, weil es oft brannte. Du findest diese sehenswerten historischen Viertel in ganz Schweden, von Sundsvall im Norden bis Malmö im Süden.

Als Ergebnis der Industrialisierung und der damit einhergehenden Stadterweiterung entstand im Schweden des 19. Jahrhunderts die sogenannte Steinstadt. Diese Form des Städtebaus zeichnet sich durch mehrstöckige, aus Naturstein und Ziegel errichtete Wohnblöcke und breite Alleen aus. Man kann die Entwicklung relativ einfach nachvollziehen: Die Industrialisierung brachte mehr Menschen in die Städte, und die mussten irgendwo wohnen.

Ganz Europa baut Steinstädte

Der architektonische Trend der Steinstädte begann jedoch nicht in Schweden, sondern auf dem europäischen Kontinent: In Städten wie Paris, Wien und Berlin baute man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Wohnhäuser, um die wachsende Bevölkerung effizient, sicher und hygienisch zu beherbergen. Damals rissen blühende Metropolen und Industriezentren organisch gewachsene Siedlungen mit eingeschossigen Wohnbauten und Holzhäusern ab, um neuen, bewusst angelegten Stadtvierteln aus Stein Platz zu machen. Bekannte Straßenzüge wie der Wiener Ring sowie die nach dem Hobrecht-Plan errichteten Stadtteile um das alte Berlin herum waren Vorbilder der schwedischen Steinstädte. 

Es war das goldene Zeitalter der Stadtplaner. In Schweden trieb Albert Lindhagen das Aufkommen der Steinstädte voran. Er entwarf 1866 den Plan für Stockholm und war 1872 an einem ähnlichen Projekt in Malmö, dem Viertel Rörsjöstaden, beteiligt. Er verfasste sogar ein Regelwerk für ganz Schweden, das Wohnhäuser mit fünf Etagen und dazwischen 18 Meter breite, rechtwinklig verlaufende Straßen vorsieht. Breitere Alleen und Parks lockern das Stadtbild auf und sorgen für frische Luft. Das Motto: Ordnung, Sauberkeit, Belüftung und Sicherheit.

Architektur in Schweden: die Steinstadt auf den Punkt gebracht

Der gemeinsame Nenner der schwedischen Steinstädte ist eher das Straßennetz auf der Karte und weniger die Erscheinung der einzelnen Häuser, weswegen sich die Fassaden voneinander unterscheiden. Dem Zeitgeist der Jahrhundertwende entsprechend, sind jedoch die meisten Gebäude im Stil der Nationalromantik, des nordischen Klassizismus und der Neorenaissance gestaltet. Auch erste Vorboten des Jugendstils sind zu sehen. 


Die Stadtplaner verfolgten das klassizistische Ideal von einem geradlinigen Rastersystem und rechteckigen Häuserblöcken mit privaten Innenhöfen. Außerdem machte man Platz für breite Boulevards und Alleen, auf denen der sich verdichtende Straßenverkehr (damals noch mit Kutschen) gut vorankam. 


In der Regel haben die Gebäude vier bis fünf Etagen und bestehen aus Ziegeln und Naturstein. Das Erdgeschoss ist oftmals Geschäften und Büroräumen vorbehalten, während die oberen Stockwerke in Wohnungen unterteilt sind, um sowohl Familien als auch einzelne Arbeiter unterzubringen. Das städtische Wachstum und der soziale Wandel führten aber nicht nur zu einem steigenden Wohnungsbedarf, sondern ließen auch die Zahl der öffentlichen und gewerblichen Gebäude wie Banken, Schulen, Hotels, Krankenhäuser und Fabriken zunehmen. Dem Namen zum Trotz machen die Steinstädte keine ganzen Städte, sondern nur die am dichtesten besiedelten Viertel aus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden außerdem Siedlungen um abgelegene Fabriken am Stadtrand, die architektonisch so aussehen wie die Stadtkerne.


Diese markanten, harmonisch aussehenden Viertel sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der schwedischen Architektur. In und um Stockholm, Göteborg, Malmö, Norrköping, Helsingborg und Sundsvall findest du mehrere Beispiele für gelungene Architektur in Schweden. 


Es folgt eine Übersicht über die sehenswerten Steinstädte in Stockholm, Malmö und Sundsvall. 

Eine Straßenbahn in Norrköping

Norrköping in Mittelschweden ist eine der wenigen Städte, in denen noch Straßenbahnen fahren. Norrköping ist die zehntgrößte Stadt Schwedens. Früher war es eine große Industriestadt mit Schwerpunkt auf der Textilproduktion, wurde aber in den letzten Jahrzehnten zu einem Zentrum für Kultur und Wissenschaft.

Foto: Fredrik Schlyter/imagebank.sweden.se

Steinstädte in Stockholm und Umgebung

Im Süden von Stockholm liegt der Stadtteil Midsommarkransen: ein aufstrebendes Kreativviertel und gleichzeitig eine der bekanntesten Steinstädte Schwedens. Der Bau dieses einheitlichen, ockerfarbenen Viertels begann 1905, um die Arbeiter der Ziegelfabrik AB Tellus zu beherbergen. Du findest diese Steinstadt, wenn du an der Metrostation Midsommarkransen aussteigst und der Straße Tegelbruksvägen zum Park Svandammsparken folgst. Auch die Straße Vattenledningsvägen ist von markanten gelben Häusern mit Backsteindetails und tiefgezogenen roten Dächern gesäumt. Manche von ihnen haben hübsche Erkerfenster.

Der Architekt Albin Brag war dafür bekannt, Gebäude in einem „strengen Jugendstil“ zu entwerfen. Seine Markenzeichen – ausgewogene Linien und handwerkliche Details – sind bis heute zu sehen. In dem hügeligen Stadtteil werden an Hängen die Hausfundamente aus Granit sichtbar. Die grob behauenen Steinblöcke in verschiedenen Naturtönen bilden einen gelungenen Kontrast zu den Häusern mit auffälligem Anstrich. 

Die ehemalige Schule Midsommarkransens Skola (Tellusborgsvägen 100), in der jetzt Büros untergebracht sind, ist ein historisches öffentliches Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie wurde 1915 nach einem Entwurf des Architekten Georg A. Nilsson erbaut und trägt bis heute eine schmiedeeiserne Uhr als auffälliges Merkmal. 

Architekt Albin Brag schuf außerdem die Steinstadt Aspudden am Hägerstensvägen, ganz in der Nähe von Midsommarkransen. Sehenswert ist auch Mariehäll, eine Steinstadt in der Nähe des Gewerbegebiets Ulvsunda beim heutigen Flughafen Stockholm Bromma. 

Natürlich ist auch Stockholms Nobelviertel Östermalm ein Beispiel für eine sehenswerte Steinstadt. Der runde Platz Karlaplan, von dem mehrere Alleen sternförmig abgehen, war eine von vielen Ideen des einflussreichen Stadtplaners Albert Lindhagen.

Midsommarkransen

Midsommarkransen, ein Vorort von Stockholm, wurde in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts erbaut. Photo: Rosanna Andersson / Visit Stockholm

Die Steinstadt Rörsjöstaden in Malmö

Aus heutiger Sicht ist Rörsjöstaden Teil des Malmöer Stadtkerns, mit einer zentralen Lage südöstlich der Altstadtinsel. Dort wurde im 19. Jahrhundert der flache See Östra Rörsjön trockengelegt, um neues Bauland für die wachsende Stadt zu schaffen. Der Bau des nach dem See benannten Viertels erfolgte ab 1870 nach einem Entwurf des Stadtplaners Georg Gustafsson, der sich an den Plänen seines Pariser Kollegen Georges-Eugène Haussmann orientierte. Rund um die Prachtstraße Kungsgatan entstand eine urbane Landschaft mit stattlichen Wohnhäusern. Die Krönung des Viertels ist die spektakuläre, 1882 eingeweihte Paulskirche.

Die drei Straßen Löjtnantsgatan, Kommendörsgatan und Kornettsgatan sind ebenfalls von Häusern aus dieser Zeit gesäumt. Zur Steinstadt Rörsjöstaden gehört auch die Schule Pauliskolan, ein symmetrischer Hingucker mit dekorativen Fenstern, markanten Giebeln und gemalten Ornamenten an der gelben Fassade.

Phönix aus der Asche: die Steinstadt von Sundsvall  

Es ist unmöglich, über schwedische Steinstädte zu sprechen, ohne Sundsvall zu erwähnen. Diese wichtige Industriestadt am Rand von Nordschweden wurde 1888 von einem Brand zerstört. Danach baute man sie aus Stein neu auf, um die Häuser im Falle eines Feuers beständiger zu machen. Der Wechsel des Baumaterials war derart einschlägig, dass man das Zentrum direkt Steinstadt („Stenstan“) nannte, und so heißt es bis heute. 

Die städtebauliche Umgestaltung von Sundsvall führte zu 51 Häuserblöcken in nur sechs Jahren. Die Fassaden sind überwiegend in den Stilen der Neorenaissance und Nationalromantik gestaltet. Schlendere durch die Straßen und genieße die Harmonie der Bauten: Von Wohnhäusern und Banken bis hin zu Kirchen und Hotels ist alles wie aus einem Guss. 

Wenn du wissen möchtest, wie es sich im wiedergeborenen Sundsvall des späten 19. Jahrhunderts gelebt hat, kannst du an einer Stadtführung teilnehmen. Geschichten über die Adligen und ihre Bediensteten geben einen lebendigen Einblick in die Vergangenheit der Stadt, die zu den am besten erhaltenen urbanen Landschaften ihrer Zeit gilt und ein repräsentatives Beispiel der Architektur in Schweden abgibt. 

Du brauchst kein Architekturkenner zu sein, um die Schönheit in diesen Straßenzügen zu sehen - die Harmonie, die Farben und die geraden Straßen sprechen für sich. Ein Besuch der Steinstädte ist ein lohnendes Erlebnis für jeden, der Schwedens Städte abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten besser kennenlernen möchte.

Steinstadt in Sundsvall.

Die Steinstadt (Stenstaden) in Sundsvall.

Foto: Olle Melkerhed